Die HAUS- und HOFFORMEN des Ötztales


Die Siedlungsgeschichte einer Landschaft ist mit einigen Einschränkungen an den Haus- und Siedlungsformen zu erkennen.

Der ganz eng zusammengebaute Dorfkern von Otz mit den bis zum First gemauerten stattlichen Häusern steht im Gegensatz zu den bescheideneren, nur zum Teil gemauerten Bauernhäusern des übrigen Otztales. Nur Sautens und Ötz am Eingang ins Ötztal haben einen vordeutschen Ursprung, die Dörfer und Siedlungen der Gemeinden Umhausen und Längenfeld sind erst im Mittelalter vom Norden her dauernd besiedelt worden, das innere Otztal, das Gemeindegebiet von Sölden wurde vom Vinschgau aus dauernd besiedelt.

Die Hofformen: Paarhöfe, seltener Einhöfe

Weiteste Verbreitung hat die Form des Paarhofes@ Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude stehen zwar zuweilen ganz nahe beieinander, sind aber - deutlich etwa am Dach erkennbar - zwei selbständige Bauwerke. Eine feste Regel, wonach die beiden Gebäude parallel nebeneinander stehen, gibt es nicht, im Gegenteil: Als Folge der im Tal bis herauf in die Gegenwart geübten Teilung des Erbes unter den gleichberechtigten Geschwistern sind die Grundparzellen sehr klein und wechseln samt den Gebäuden sehr oft den Besitzer. So kommt es, daß Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude oft in einigem Abstand voneinander stehen.

Die früher häufigen Nebengebäude wie Kornkasten und Backofen stehen abseits des Wohnhauses. Ein typisches Beispiel für diese Hofform ist der Hof "Andres" in Längenfeld und (nachgestellt) das Hauptgebäude des Freilichtmuseums.

Einhöfe, also Bauernhäuser, bei denen VVohnteil und Stall, über ihm der Stadel, unter einem Dach vereint sind, gibt es beispielsweise in Längenfeld, sind aber im Otztal insgesamt sehr selten.

Die alten bäuerlichen Wohnhäuser des Ötztales

Die Bauernhäuser sind fast immer zweigeschoßig und haben ein - verglichen mit dem Unterinntal - etwas steileres Satteldach (ca 30' Dachneigung). Kleinere Häuser, wie jenes im Museum, das aus Sölden stammt, haben einen Seitenflur, größere (wie das Haupthaus im Museum) einen Mittelflur-Grundriß. - Fast immer liegt die Küche hinter der Stube; der Stubenofen wird von der Küche her geheizt. Bei den Mittelflurhäusern sind auf der einen, sonnigen Seite Stube und Küche, auf der anderen Kammern für verschiedene Zwecke eingebaut. Die Schlafkammern sind aber fast immer im Obergeschoß untergebracht, wobei die Kammer über der Stube (Stubenkammer) dem Elternpaar vorbehalten ist. Manche Häuser sind für zwei Familien gebaut worden, dann sind im Grunde zwei Seitenflurhäuser spiegelbildlich aneinander gereiht und unter einem Dach zusammengefaßt.

Plan des Blockhauses, Museum Lehn

Die Häuser sind überwiegend in Mischbauweise errichtet. Immer gemauert ist die Küche und sehr oft auch der Hausgang. Um der Feuersgefahr zu begegnen, gab es schon früh Bauordnungen, die die Ummauerung der offenen Feuerstellen verlangten. Die Stube und das Obergeschoß sind bei den älteren und kleineren Bauernhäusern in Blockbauweise errichtet, später dann, zumindest im Erdgeschoß, mit einer Mantelmauer oder nur mit einem Putz versehen worden. Zur besseren Isolierung verschalte man die Außenseite der Holzwände ähnlich einem Stubengetäfel mit stehenden Brettern, deren Stoßfugen mit Leisten abgedeckt wurden. Das Giebeidreieck ist als meist einfache Bundwerkkonstruktion gestaltet. Zuweilen ist dem Giebel ein kleiner Balkon, der "Söller", vorgesetzt.

Die Kleinbauernhäuser in den Hochgebirgslagen des Ötztales - es gibt davon nur mehr wenige Exemplare - sind fast vollständig, mit Ausnahme der Küche, in Blockbau errichtet. Sie zeichnen sich durch außerordentliche Sachlichkeit und Klarheit der Form als Kubus, nahezu ohne Zierat, aus und unterscheiden sich darin deutlich von den repräsentativen Blockbauten im Osten Nordtirols. Die hochalpine Lage ließ repräsentativere, schmuckreiche Holzbauten nicht zu.

Die wenigen noch erhalten gebliebenen alten Wirtschaftsgebäude sind hauskundliche Raritäten. Der ehemalige Lauf- stall zu ebener Erde ist als Ständerbohlenbau konstruiert, der Stadel mit der Tenne darüber ist als Rundholzblockbau aufgezimmert. Sowohl in der Bauweise des Stalles wie des Stadels haben sich sehr alte Konstruktionsformen erhalten.

Unter den wenigen erhalten geblieben Nebengebäuden ei- nes Bauernhofes sind die freistellenden Backöfen und die Kornkästen zu nennen. Besonders die Kornkästen im Län- genfelder Becken erregen die Aufmerksamkeit des Fach- mannes. Die als Holzblockbau gezimmerten Exemplare ste- hen nämlich auf vier mächtigen Holzsäulen, die knapp unter dem Aufleger des Kornkammerbodens unterschnitten sind und so den Zugang von Mäusen und anderen Kleintieren zur Kornkammer unterbinden.

Diese Pfostenspeicher sind auch im Ridnauntal und Ahrn- tal (Südtirol) in wenigen Exemplaren erhalten geblieben. Sie sind vergleichbar mit den berühmten Mäusesteinspeichern des Wallis. Der wirtschafliche Wandel von einem Agrarland zur Fremdenverkehrswirtschaft hat in den letzten Jahren die ländliche Baukultur des Cetales grundlegend verändert, alte Bauernhäuser sind schon zur Rarität geworden. Die wenigen neuen Bauernhäuser nehmen keine Rücksicht auf talspezifische Besonderheiten. Sie könnten überall im Westen Tirols stehen. Das Freilichtmuseum von Längenfeld-Lehn kann wenigstens in Einzelexemplaren eine Ahnung von der bäuerlichen Kultur der Vergangenheit vermitteln.

Dr. Hans GSCHNITZER

Direktor des Tiroler Volkskunstmuseums

Zum Vergleich: Einer der zahlreichen MÄUSESTEINSPEICHER
im Schweizer Ort BELLWALD

Beilwald liegt im Oberwallis, abseits des Durchzugsverkehrs, bei Fiesch. Der gesamte Ort ist ein komplexes Kulturdenkmal.

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Letztes Update 27.07.97