Ötztaler Bauernleben
in alter Zeit

Wer durch die Räume des Ötztaler Heimatmuseums geht und die verschiedenen Baulichkeiten wie Stadel, Mühle, Säge, Backofen und anderes besichtigt, der mag sich vielleicht fragen:

Wie haben wohl die Menschen gelebt und gearbeitet, die das alles geschaffen haben?

Es war ein langer Weg von den ältesten Zeiten der Besiedlung bis herauf in unser Jahrhundert. Ursprünglich mögen Hirten die ersten gewesen sein, die auf der Suche nach Weideplätzen mit ihrem Vieh über die Jöcher in diese Gegend kamen. Der Fund des 'Ötzi', des Mannes vom Tisenjoch, zeigt, daß schon vor mehr als 4.600 Jahren Menschen in diesem Gebiet unterwegs waren. Im Verlauf von Jahrhunderten haben sich die Menschen durch unermüdliche, harte und schwere, oft lebensgefährliche Arbeit trotz der Wildheit und Unwirtlichkeit des Tales hier eine Heimat von besonderer Schönheit geschaffen. Man muß den Mut dieser Menschen bewundern, die es gewagt haben, selbst im steilsten Gelände, ja sogar - wie in Farst - über einer Felswand sich anzusiedeln und den Kampf gegen die Naturgewalten aufzunehmen. Die Natur hat ihnen das gerade hier im Ötztal nicht leicht gemacht, denn Muren, Lawinen und Ausbrüche der Gletscherseen haben oft und oft in wenigen Minuten zerstört, was die Menschen in jahrelanger Arbeit geschaffen haben. Wieviel Überlegen und Erproben, wieviel Erfahrung von Generationen waren nötig, um die Schwierigkeiten der steilen Hänge zu bewältigen. In Farst (Gemeinde Umhausen) konnte man z.B. den Boden nur dadurch vor dem Abrutschen sichern, daß man im Abstand von etwa 2 zu 2 m Pflöcke in den Boden schlug und Bretter quer dazwischen legte, um das Erdreich zu halten. Das Getreide wurde dort nicht gesät, sondem mit dem Setzholz gesetzt. Ein Grund dafür war neben anderen: Büschelweise stehendes Getreide gab dem Boden mehr Festigkeit und hielt die Feuchtigkeit besser.

So wie überall in den Berggebieten mußten auch die Ötztaler Bergbauem sehr einfach und bescheiden leben, sehr genügsam sein und hauptsächlich mit dem auskommen, was der Boden und das Vieh gaben. Fast alles, was sie zum Leben brauchten, konnten sie selbst erarbeiten. Für Nahrung und Kleidung wurde kaum je Geld ausgegeben. Man sagt, wenn ein Mann einen Anzug brauchte, wurden nur die Knöpfe gekauft, alles andere hatte man selber.
Die Ernährung war einfach aber kräftig. Große Bedeutung hatte im ganzen Tal der "Türkn" (Mais), obwohl er nur im äußeren Tal gedeiht. In Sautens betrug z.B. im Jahr 1933 der Anteil von Körnermais 93% der Getreidefläche. Maismehl wurde nicht nur für das "Mus" als häufigstes Morgenessen, sondem auch zum Kochen und Brotbacken verwendet. Gebacken wurde im Innerötztal früher nur zwei- bis dreimal im Jahr, im äußeren Tal durchschnittlich einmal monatlich. Die Grundstoffe für die bäuerliche Kleidung waren Flachs und Wolle. Zweimal im Jahr wurden die Schafe mit einer Schafschere, wie sie in genau gleicher Art in keltischen Ausgrabungen gefunden wurde, geschoren. Danach mußte die Wolle "kartatscht" = zwischen feinen Drahthäkchen zerrissen werden, ehe man sie verspannen konnte. Besondere Bedeutung für die Ötztaler Bauern hatte in früherer Zeit der Flachs oder "der Hoor", wie sie ihn nennen. Das Ötztal war weitum in und außerhalb von Tirol bekannt und berühmt durch seinen besonders schönen, langen und festen Flachs. Es wurde früher wohl bei jedem Bauern angebaut, brauchte man doch für Tisch- und Bettwäsche sowie für die Kleidung große Mengen an Leinen, das in vielen mühsamen Arbeitsgängen von der Aussaat des Leinsamens bis zum fertigen Tuch auf den Bauernhöfen selbst hergestellt wurde.

Darüber hinaus aber waren sowohl der Flachs als auch die "Linsat" (Leinsamen) außerordentlich wichtige Handelsgüter, die im vorigen Jahrhundert die Haupteinnahmsquelle für die Ötztaler Bauern bildeten. Der Flachs wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts größtenteils durch die Spinnerei in Lambach aufgekauft; auch 1948 wurden noch 48.000 bis 50.000 kg geschwungener und gehachelter Flachs aus dem Ötztal geliefert, der größte Teil davon eben nach Lambach. In früheren Zeiten wurde Flachs auch in großen Mengen von Sölden aus über das Tim-meljoch (2.500 m Meereshöhe) auf Kraxen nach Südtirol bis Schönau getragen, ein Weg von zehn Stunden hin und zurück. Am Rückweg brachten die Träger oft Korn mit herüber.

Da der Flachsbau überaus arbeitsintensiv ist, also sehr viele Arbeitskräfte erfordert, ging er Ende der Dreißigerjahre auch im Ötztal zurück, bis er um die Mitte unseres Jahrhunderts fast ganz aufgegeben wurde. Immerhin waren in Umhausen im Jahr 1938 noch 4,5 ha mit Flachs bebaut und 1949 noch 1,82 ha. Heute kann man im Ötztaler Heimatmuseum im Laufe eines halben Jahres den Flachsanbau von der Aussaat über "Ropfen", "Klocken" oder "Riffeln", "Reasn...... Grommeln"

(Brecheln) , "Schwingen" bis zum webfertigen Garn verfolgen. Bei aller Bescheidenheit und Einfachheit früherer Zeiten waren die Menschen zufrieden. Ein alter Bauer hat mir einmal gesagt: "Ja, arm ist nicht, der wenig hat, sondern der nie genug kriegt!" Wenn man bedenkt, daß Obergurgl (1.927 m) das höchste Kirchdorf nicht nur Tirols, sondern ganz Österreichs ist, Vent nur wenig tiefer liegt und die Rofenhöfe gar 2.014 in erreichen, dann ahnt man wohl, daß das Leben dort sicher nicht einfach, sondern mit großen Entbehrungen und Schwierigkeiten verbunden war. Solche Menschen waren immer auf sich selbst gestellt und mußten sich in jeder Lage zu helfen wissen. So kommt es auch, daß sie sehr geschickt sind im Umgang mit den verschiedensten Werkzeugen, die sie bestens zu gebrauchen wissen, auch wenn sie keine gelemten Handwerker sind. Ein Beispiel dafür ist der "Rofener Schmied", einer der Rofener Bauern, die in den Dreißigerjahren ausgezeichnete Eispickel anfertigten, ohne es je gelernt zu haben. Große Bedeutung hatte in dem auf drei Seiten von sehr hohen Gebirgszügen eingeschlossenen Ötztal in früheren Zeiten die künstliche Bewässerung sowohl der Wiesen und Bergmähder als auch der Äcker. In ihrer einfachsten Form, wie sie auch 1994 noch auf Bergmähdem bei Obergurgl zu beobachten war, zieht man von einem Wasserlauf weg kleine Erdgräben, die sich immer mehr verästeln. Durch eingelegte große Steinplatten, die nach einer gewissen Zeit verlegt werden müssen, bringt man das Wasser zum Überlaufen und erreicht dadurch nicht nur eine Anfeuchtung, sondern auch eine gewisse Nährstoffanreicherung. Eine wirtschaftliche Eigenheit von Sölden waren die dort besonders zahlreichen "Thaien", einstöckige Gebäude in der Almregion mit Küche, Stube und mehreren Kammem, die von den Söldener Bauern zur Bewirtschaftung ihrer höhergelegenen Grasflächen den Sommer über mit der ganzen Familie bezogen wurden. Nicht nur das Großvieh, sondern auch Ziegen und Schweine wurden mit hinauf genommen, Hühner und selbst kleine Kinder in Ruckkörben hinaufbefördert, und die Allerkleinsten schnallte man in ihrer Wiege auf eine Kraxe und trug sie so hinauf. In seinem Buch "Die Bauernarbeit im Oetztal einst und jetzt" (Innsbruck 1932, erweiterte Neuauflage Innsbruck 1995) hat der Bauer Franz Josef Gstrein aus Ötz alle Arbeiten, wie sie Ende des vorigen Jahrhunderts und am Beginn des jetzigen gemacht wurden, sehr eindrucksvoll geschildert. Auch alle zur damaligen Zeit verwendeten landwirtschaftlichen Geräte, von denen einige hier im Museum zu sehen sind, hat er selbst in klaren Strichzeichnungen dargestellt und ihre Benennung und Verwendung angeführt. Sein Buch ist eine eindrucksvolle Dokumentation der überaus harten und gefahrvollen bäuerlichen "Kulturarbeit" aus vergangener Zeit in Hausspruch, der bis zum Umbau auf dem Gasthof Edelweiß in Längenfeld zu lesen war und kurz und bündig die Lebensauffassung der alten Ötztaler ausdrückt:

LÖW VERNINFTIG GEDENCK AN DAS KINFTIG

(Lebe vernünftig und denke an das Zukünftige)

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